arbolex - Nachschlagewerk (Info vom 04.2000)

Im Frühjahr 2000 wird ein neues Nachschlagewerk für die Baumpflege erscheinen. Es heißt arbolex und wird auf CD-ROM sowie in Buchform erhältlich sein. Auf Anfrage des Herausgebers Peter Klug haben wir einen Artikel für den Abschnitt Baumpflegepraxis geschrieben. Unser Beitrag behandelt die Problematik der Pflege alter Bäume.
Nach einem einleitenden Abschnitt zur Baumpflege und -physiologie während der verschiedenen Entwicklungsphasen folgt die Dokumentation der Pflege einer alten Linde in Wort und Bild. Das Beispiel aus der Praxis veranschaulicht die vorab erklärten Prinzipien und Methoden. In einem weiteren Abschnitt werden die Folgen nicht fachgerechter Baumpflege dargestellt. Den Abschluss bildet eine Dokumentation, die die Behandlungsmöglichkeiten eines stark geschädigten Baumes zur Diskussion stellt. Bis auf diesen letzten Abschnitt, welcher eher dem Fachmann zur Lektüre empfohlen ist, veröffentlichen wir nachstehend auszugsweise unseren Beitrag.

1. Einführung - Die Pflege alter Bäume
2. Fachgerechte, sensible Baumpflege am Beispiel einer
    120jährigen Linde
3. Folgen nicht fachgerechter Sichtkontrolle und
    Baumpflege


1. Einführung - Die Pflege alter Bäume
Im Leben eines Baumes gibt es zwei Phasen, die vom Baumpfleger einen besonders sensiblen Umgang erfordern - die frühe Jugend- und die Altersphase.
In der Altersphase werden alle Lebensfunktionen schwächer. Der Baum ist anfälliger, er kann biotischen wie abiotischen Streß schlechter kompensieren. Die Regeneration im Wurzelraum setzt aus, die Krone beginnt, von außen nach innen und von oben nach unten zurückzusterben. Schäden aus den vorangegangenen Phasen summieren sich. Ohne Pflege blieben auseinandergebrochene, umgestürzte oder stehend abgestorbene Baumruinen zurück.
Die Pflege alter Bäume hat das Ziel, zwei Gefahren zu beseitigen, die Gefahr des Baumes für sich selbst und die Gefahr für den benachbarten Verkehrsraum.
Das Spektrum der möglichen Maßnahmen ist groß. Die Notwendigkeit einer Maßnahme wird durch den Zustand von Baum und Baumumfeld bestimmt. Ist der Baumeigentümer nicht fachkundig, kommt dem Baumpfleger bei der Beratung eine besondere Verantwortung zu.

Zur Verbesserung der Vitalität kommen beispielsweise Düngung, Belüftung, Bewässerung, Bodenaustausch oder der Einsatz von Mykorrhizapilzen in Frage.
Zur Gewährleistung der Stand- und Bruchsicherheit können Kronensicherungen eingebaut werden. Die möglichen Schnittmaßnahmen reichen von der Totholzbeseitigung bis zum Kronensicherungsschnitt. Gerade weil der alte Baum empfindlicher ist und ein geringeres Regenerationsvermögen besitzt, sollten folgende Grundregeln unbedingt beachtet werden:
  •  Kronensicherung geht vor Schnittmaßnahme
  •  Kronenschnitt - so viel wie nötig, so wenig wie möglich
  •  Schnitte an der Peripherie (Hebelgesetz)
  •  viele kleine Schnitte statt weniger großer
  •  auf Zugast schneiden
  •  Schnitt in der Vegetationsperiode
Leider gibt es über den richtigen Schnittzeitpunkt immer noch unterschiedliche Ansichten, was dazu führt, daß die Bäume in der Vegetationsruhe, also im Jahresgang betrachtet in der Zeit der geringsten Vitalität geschnitten werden.
Fehler bei der Pflanzung und der Pflege können schwere Schäden oder den Tod des Jungbaumes zur Folge haben. So unnötig und ärgerlich ein solcher Verlust auch ist - er kann verhältnismäßig schnell kompensiert werden. Wie schwer ist, daran gemessen, erst der Verlust der alten Linde auf dem Dorfplatz oder der 500jährigen Solitär-Eiche im Schloßpark? Welchen Wert hat die vormals so schöne Allee, wenn sie nur noch aus gekappten Stämmen mit dicken Aststummeln besteht?

2. Fachgerechte, sensible Baumpflege am Beispiel einer 120jährigen Linde

Im Oktober 1998 bekamen wir eine Anfrage zur Pflege einer alten Linde. Der Baum war sehr alt, hatte eine dichte Krone und starke, ausladende Äste.[Foto] Die Entscheidung über die erforderlichen Maßnahmen überließ der Eigentümer aus Gründen der Fachkunde der ausführenden Baumpflegefirma.

Sichtkontrolle

Im Rahmen der Angebotserstellung führten wir eine gründliche Sichtkontrolle durch. Deren Ergebnisse bildeten die Grundlage für die Maßnahmen der Kronenpflege.


Wurzelbereich:
  •  Boden grasbewachsen, leichtes Gefälle
  •  keine Symptome zur Beeinträchtigung
        der Standsicherheit
  • Stamm:
  •  Riß im Stamm vom Boden bis ca. 8m Höhe,
        überwallt
  •  Fruchtkörper des hochthronenden
        Schüpplings (Pholiota aurivella) im Riß
        in ca. 6 m Höhe [Foto]
  • Krone:
  •  Anbindungen der Starkäste mit oberhalb
        einwachsender Rinde und Zuwachsstreifen
        auf der Unterseite [Foto]
  •  Astabbrüche
  •  Totholz (am alten Baum in gewissem
        Maß normal)
  •  verstärkt Austriebe im Kroneninneren

  • Der Riß im Stamm reicht zwar sehr hoch, jedoch läßt die gute und flache Überwallung ("spitznasige" Reparaturanbauten zeigen wandernde Risse an) darauf schließen, daß der Baum den Defekt erkennt und zu kompensieren versucht. Die Schüpplinge (Pholiota) verursachen im Holz eine in der Regel langsam fortschreitende Weißfäule und ihr Erscheinen bedeutet nicht sofort die Notwendigkeit drastischer Schnittmaßnahmen.
    Das zweite relevante Symptom ist die schlechte Anbindung der Starkäste. Bäume sind zur Bewältigung außerge-
    wöhnlicher Belastungen wie Schrägstand oder ausladende Äste befähigt, Reaktionsholz zu bilden. Die Linde als Laubbaum bildet Zugholz auf der Oberseite des belasteten Baumteils. Auf der Oberseite der Astanbindungen unserer Linde wächst aber die Rinde ein. Es kommt also an dieser Stelle weder zur Bildung von Zugholz noch zur Umleitung der Hebelkräfte in den Stamm. Stattdessen zeigen die Zuwachs-
    streifen die verstärkte Bildung von Holz auf der Unterseite an. Druckholz an Laubbäumen ist ein Indiz für das Versagen der primären Reaktionsmuster. Neben der fehlenden Zugholzbildung kann auch eine Fäule direkt in der Astanbindung Ursache für das besagte Schadsymptom sein. Die Bruchsicherheit ist nach dem Erscheinen solcher Symptome auf Dauer nicht mehr gewährleistet.
    Weiterhin konnten wir bei der Sichtkontrolle erkennen, daß der Baum ohnehin beginnt, seine Krone einzuzuiehen und zu verkleinern. Das Totholz im Bereich des Kronenmantels und vor allem die Austriebe im Inneren der Krone deuten darauf hin.

    Maßnahmen

    Wegen der Schadsymptome am Stamm und in der Krone war zur umfassenden Pflege und Sicherung des alten Baumes neben der Kronenpflege auch eine Kronenauslichtung sowie eine leichte Einkürzung der ausladenden Starkäste notwendig.
    Der Auslichtung kam besondere Bedeutung zu. Der gesamte Kronenmantel war sehr dicht, so daß man über viele Schnitte im Fein- und Schwachastbereich eine erhebliche Reduzierung des Winddrucks erreichen konnte, ohne den Habitus des alten Baumes wesentlich zu beeinträchtigen. Die Auslichtung mußte aber wiederum so behutsam geschehen, daß sich die Bildung der Austriebe im Inneren der Krone nicht noch verstärkt.
    Im Fall der Starkäste haben wir uns zunächst nicht für die Auffangsicherung entschieden, weil eine solche lediglich das Herabstürzen abbrechender Äste verhindert. Unser Ziel war es aber die Starkäste zu erhalten, darum haben wir im Zuge der Auslichtung des gesamten Kronenmantels einige Schnitte im Grobastbereich ausgeführt und damit die langen Hebel effektiv entlastet.
    Auch die Einkürzung von Kronenteilen kann so erfolgen, daß sie den Baum sichert, ohne ihn zu entstellen.[Foto]

    Ergebnis

    Seit der Schnittmaßnahme sind ca. 1 Jahre vergangen. Eine erneute Sichtkontrolle zeigt, die Schadsymptome am Stamm und an den Astanbindungen haben sich nicht verstärkt. Noch wichtiger scheint, daß nach Ablauf einer Vegetationsperiode weder an den Schnittstellen noch im Inneren der Krone eine wesentliche Bildung sekundärer Triebe aufgetreten ist.[Foto]
    Die Pflege der alten Linde hatte den gewünschten Erfolg. Um den langfristigen Erhalt zu sichern, muß der Baum regelmäßig kontrolliert werden. Die Entwicklung an den Starkastan-
    bindungen muß besonders sorgfältig beobachtet werden, um gegebenenfalls rechtzeitig eine Auffangsicherung einbauen zu können.

    3. Folgen nicht fachgerechter Sichtkontrolle und Baumpflege

    Der alte Baum ist ein empfindliches Gebilde. Bezüglich der Pflegemaßnahmen gibt es sowohl ein zuviel als auch ein zuwenig. Zwei Beispiele sollen dies verdeutlichen.

    zuviel


    Die vorgefundenen Schadsymptome wurden überbewertet oder die Schnittmaßnahme wurde gar nicht erst aus den Ergebnissen einer Sichtkontrolle hergeleitet. Die Palette der (leider meist völlig unsinnigen) Argumente ist weitgefächert. Die intakte Krone wurde verstümmelt, der Austrieb provoziert in dessen folge wieder Äste heranwachsen, die schlecht angebunden auf dem Rand einer einfaulenden Schnittwunde stehen.[Foto]

    zuwenig


    Die maßgeblichen Schadsymptome wurden übersehen oder ignoriert. Die Gefahr wurde nicht erkannt oder unterschätzt. Darum wurde keine Kronensicherung eingebaut und es erfolgte keine entlastende Schnittmaßnahme. Die Bruch-
    sicherheit war schon lange nicht mehr gegeben, als zu einem Zeitpunkt hoher Windbelastung der Schaden eintrat. Der Stämmlingsausbruch wird zur Ursache kurzfristiger (der hohle Stamm wurde geöffnet) und langfristiger (potentielle Pilzeintrittspforte) statischer Probleme.[Foto]